Kriegsmütter, ihre Kinder, Enkel und Urenkel

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Wie sollte sie eine «liebevolle und zuverlässige» Mutter sein, wenn sie es selbst nie erfahren hatte? Nicht, dass ich das als carte-Blache für ihr Verhalten nehme, nein, aber zu dieser Zeit steckte man Frauen noch in die Klapse, wenn sie dem Ehegatten eine Last waren.

Alkoholsucht, Tabletten, fehlendes Urteilsvermögen, was «real» war und was Fantasie. Rasende Eifersucht auf mich und meinen Stiefvater, körperliche Gewaltanwendung, Schläge, Lügen, Herabwürdigung ihrer Nebendarsteller. «Aussen hui, innen pfui» ist ein bekannter Spruch. Schon als Teenager fiel mir auf, dass meine Mutter, wenn sie nach draussen ging, wie übrigens viele ihrer Generation, sich aufpolierte und ein charmanter Engel war. Die Menschen unterhielten sich gerne mit ihr und erinnerten sich schnell an sie. Sie hatte etwas Charismatisches, ihr Lachen und Lächeln. Sie konnte Lachen bis ihr Tränen die Wangen hinunter flossen, damit hat sie mich immer wieder angezogen – mit ihrem Lachen oder Lächeln.  Es war die einzige, anscheinend unbedrohliche und zuverlässige, emotionale Zuwendung, der ich mit der Zeit noch traute. Genau für diesen Moment und nicht mehr. Dadurch lernte ich schon sehr früh, auf die emotionalen Signale zu «horchen» denn diese warnten mich bei ihr immer zuverlässig, nur manchmal wollte ich nicht hören, auch wenn ich es besser wusste.   

Ihr Lächeln, ja, das wog aber bei weitem nicht auf, was es sonst noch gab, die Kehrseite. Es war Himmel und Hölle an ein und derselben Adresse. Ich wusste nie, was mich an diesem oder am nächsten Tag erwartete. Sie rief zum Beispiel in meiner Schule an, liess den Lehrer aus dem Klassenzimmer holen nur um ihm zu erklären, dass ich, seine Schülerin, eine Nutte wäre, die mit ihrem Mann, meinem Stiefvater, Sex habe – in unserer Wohnung. Diese Version verbreitete sie auch bei meinen Freunden und ich musste an allen Orten «rede und Antwort» stehen, denn am Anfang glaubten ihr alle. Nach einigen Telefonaten im selben Stil wussten die Leute dann: «Sie hat ein Problem, vergessen wir’s...». Mein Lehrer war zu dieser Zeit mein Anker. Der einzige Erwachsene in meinem Leben, der mich anhörte, der beide Seiten wahrnehmen wollte und der mich als Mensch förderte. Ich bin ihm genau für diese Einstellung bis heute mehr als dankbar, denn durch seine Taten, seinen Einsatz, bin ich nicht ganz abgestürzt in dieser Zeit. Über ihn werde ich an anderer Stelle noch berichten.

Was bleibt und ist, sind Generationen von Müttern und Vätern, die nie darüber nachgedacht haben, ob ihr Verhalten wenigstens einigermassen im Gleichgewicht ist. Bis noch vor 2 Generationen, in den 60ziger und 70zigern, wurden Tabletten und Alkohol als «normal» betrachtet, genauso wie rauchen für alle als «Freiheit» für die moderne Frau propagiert wurde. Geschaffen wurden Süchtige, die meist zuvor schon Hilfe benötigt hätten, aber alle schauten weg, denn der Satz: Die nächste Generation wird es schon richten» wurde ebenfalls propagiert und in die Köpfe der Menschen gesetzt.

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