Kriegsmütter, ihre Kinder, Enkel und Urenkel

Beitragsseiten

Denn diese waren «gebrandmarkt», genau von den Menschen, die es besser verstecken konnten. Die sich hinter irgendwelchen Regeln und Religionen verbargen. Grausam, was Menschen anderen Menschen, Eltern ihren Kindern antun können, wenn sie nicht hinschauen und mitfühlen. Wenn ihre Gefühle zu verhärteten Emotionen werden. Ihre Erinnerungen prägen nachfolgenden Generationen, nehmen lebenslang Einfluss auf ihr Denken, Fühlen und Handeln. Geschichten wiederholen sich.

Zurück zu meiner Mutter. Sie hatte Affären und über 4 Jahre ein Doppel Verhältnis mit meinem biologischen Vater und meinem damals zukünftigen Stiefvater. Beide Männer waren Co Abhängig. Mein Stiefvater war zusätzlich noch emotional Abhängig: Er konnte nicht gehen, blieb an ihrer Seite bis sie starb und folgte ihr fünf Monate später.

Leben muss die Hölle für meine Mutter gewesen sein, denn was auch immer ihr zustiess in ihrer Jugend, niemand kümmerte sich darum und sie sprach sehr wenig darüber. Eine Geschichte, die immer wieder kam war, dass sie gegenüber einem Pfarrhof aufwuchs und da Dinge gesehen und erlebt habe, die sie für ihr Leben prägten. Wir Kinder mussten nicht zur Kirche, wie viele unserer Freunde. Meine Mutter erklärte uns immer wieder: „Der Herrgott ist in meinem Herzen und braucht kein Haus oder Kirche». Ich fand das immer ziemlich modern, denn sie erlaubte mir in diesem Fall, selbst zu entscheiden, was ich auch tat.  

Eine andere, immer wieder erzählte Geschichte war: «Ihre Grossmutter hatte 9 Kinder, viele davon Söhne. Alle, sowie meine Mutter, sassen in einer grossen Küche zum Essen zusammen. Dort gab es ein Küchenkästchen an der Wand, und wann immer die kleine Türe von alleine aufsprang, sei die Grossmutter still geworden. Als nächstes habe sie den Namen eines ihrer Söhne ausgesprochen und dass er gefallen sei. Diese Nachrichten wurden anscheinend immer auch so bestätigt. Das ängstigte meine Mutter anscheinend genauso wie die Tatsache, dass meine Urgrossmutter Tischrücken praktiziert habe und mit dem Pendel unterwegs gewesen sei. Auch sei besagte Grossmutter genau drei Monate nach dem Tod ihres Mannes diesem gefolgt, wie sie es ihm am Grab versprochen habe. Schon früh hatte ich Fragezeichen zu den Geschichten. Bohrte immer wieder nach, um die «Wahrheit» herauszufinden. Einiges davon sollte sich jedoch im Laufe der Zeit klären.

So zum Beispiel: Meine Mutter wurde, wie bereits erwähnt, 1925 geboren. Bei den «Kriegsgefallenen» Söhnen kann es sich also nicht um Gefallene des ersten Weltkrieges gehandelt haben (1914-1918), da dieser bereits vor ihrer Geburt geendet hatte. Die Geschichte vom Schützengraben und den Leichenteilen erzähle ich an anderer Stelle, dass wäre der zweite Weltkrieg gewesen. Tatsache war, dass meine Mutter während des zweiten Weltkrieges in Ausbildung zur Hotelfachfrau war, München und Prag. Dies konnten wir belegen. Ein Foto von 1944 zeigt meine Mutter in Pelz, behandschuht und mit kniehohen Lederstiefeln in Prag bei einem Fotografen abgelichtet. Ihre Handschrift und Orts- wie auch Jahrgang auf der Rückseite des Fotos bestätigten dies. Kurz vor ihrem Tod revidierte sie ihre Schützengraben Gräuel-Geschichte und erklärte, dass ihre Mutter während der Kriegsjahre immer gut für sie gesorgt habe. Was hatte sie ein Leben lang getrieben, welche Geister jagten sie? Es war ein emotionales Verwirrspiel, wahrscheinlich für sie genauso wie für uns, mit gravierenden Auswirkungen auf die nächsten Generationen.

Sie war gerade einmal 21 Jahre alt, als sie meinen Halbbruder in Österreich auf die Welt brachte. Die Geschichte wiederholt sich. Sie überliess das Kind den Eltern des Vaters und wollte nichts mehr von ihm wissen. Sie kam in die Schweiz und begann ein neues Leben. Kurz vor ihrem Tod sprach ich dieses Thema noch einmal an und sie verfiel in Panik ob der Vorstellung, dass ihr zurückgelassener Sohn sie noch anrufen könnte. «Ich will nichts von ihm wissen und würde nicht mit ihm sprechen». Sie hatte viele emotionale Leichen im Keller, aber niemand schaute hin.

Related Articles